Gondi-Schapur

Eine altiranische Universität


Nur noch bescheidene Überreste einer großen Universitätsstadt in engerem Sinne erinnern heute an Gondi-Schapur. In der Nähe des Flusses Karun, achtzehn Kilometer südöstlich vom heutigen Desful und fünfzig Kilometer nordwestlich vom heutigen Schuschtar stand einst die faszinierende Universitätsstadt Gondi-Schapur und die gleichnamige Universität, die von dem persischen Herrscher Schapur aus dem Geschlecht der Sasaniden gegründet worden war. Er regierte Iran zwischen 241 – 271 n. Chr. Er war es, der den römischen Kaiser Valerian besiegt hatte. Vorbereitungen zur Gründung der Universität Gondi-Schapur wurden jedoch bereits von dem Vater Schapurs, nämlich Ardaschir Papakan, dem Gründer der Sasaniden-Dynastie, getroffen. Ardaschir selbst stammte, wie alle iranischen Großkönige, aus einer religiösen Gelehrtenfamilie. Seine Ahnen waren Hüter der Anahita, Gotteshäuser im Südiran (im bundesland Pars). Viele Geschichtsschreiber berichten, dass Ardaschir, nachdem er die Regierungsgeschäfte erledigt hatte, angefangen habe, tagtäglich wissenschaftliche Arbeiten, Übersetzungen von Büchern und vergleichende Studien zu betreiben.
Die Familie der Ardaschir-Nachkommen brachte Männer hervor, die die saratustrische Religion wiederbelebten, die Engstirnigkeit der Weltanschauung bei den Kleinbürgern bekämpften und sich tatkräftig bemühten, die Bildung des Volkes zu verbessern und auszuweiten. Bücher und die Schreibkunst sollten nicht mehr ein Privileg einer bestimmten Schicht sein und die traditionelle iranische Idee von Freiheit und freiheitlichem Denken sollten im ganzen iranischen Reich jedem Bürger als Verpflichtung klar und als Lebenssinn zugänglich gemacht werden.
Xenophon, der Grieche schreibt über Ardaschir, dass er sowohl in kriegerischen Auseinandersetzungen auf dem Schlachtfeld als auch in den wissenschaftlichen Diskussionen unschlagbar gewesen sein soll. An seinem Hofe befanden sich Tausende von Gelehrten, die sich an den langen wissenschaftlichen Auseinandersetzungen beteiligten. Ardaschir meinte, dass die iranische Stärke und das iranische Ansehen in der Welt nur durch Schwert und Wissenschaften gewährleistet sein könne.
Nach Aussagen von Nadim und anderen Geschichtsschreibern hat Ardaschir iranische Hochschullehrer nach China, Indien, Griechenland, Rom, Alexandria und in andere Orte geschickt, um weltweit zerstreute iranische Bücher und Dokumente, die in der Seleukidenzeit aus Iran heraus gebracht worden waren, wieder nach Iran zurückzubringen, zu durchforsten und in die Pahlawi-Sprache rückzuübersetzen. In seiner Regierungszeit konnte Ardaschir achthundert solcher wissenschaftlicher Werke aus dem Griechischen, Römischen, Indischen und Hebräischen wieder in die Pahlawi-Sprache übersetzen lassen und somit allen persischsprachigen Interessenten zur Verfügung stellen. Auf diese Weise und durch weitere Überlegungen bereitete Ardaschir die Gründung einer der wichtigsten Universitäten der Welt methodisch vor. Als Ardaschir erkrankte schrieb er an seinen Sohn und Nachfolger folgende Zeilen: „Mein Sohn, es ist durchaus möglich, dass Du im Laufe Deiner Regentenzeit viele Länder besiegst und berühmt wirst. Aber wenn du willst, dass Dein Name und der Name unserer Dynastie verewigt wird, dann beherzige die Idee der Gründung einer Universität, bei der ich die Vorbereitungen getroffen habe“.
Dies tat Schapur. Nach siebzehnjährigen Bemühungen wurde die Universität Gondi-Schapur durch ihn gegründet und ein bleibendes Kulturgut errichtet. Schapur war wie sein Vater ebenfalls ein wissbegieriger Förderer der Wissenschaft und Künste. Im Jahre 261 n. Chr., Schapur beherrschte im zwanzigsten Jahr Iran, hieß der Gesundheitsminister, der gleichzeitig auch der Chef der medizinischen Fakultät der Universität Gondi-Schapur war, Dorostpad-Dschebril. Unter seiner Führung fand 261 n. Chr. ein medizinischer Kongress in der Universität Gondi-Schapur statt. Außer iranischen Ärzten fanden sich unter den Kongressteilnehmern auch griechische, römische, indische und jüdische Kollegen, die tagelang über Krankheiten, Diagnosen und Therapien miteinander diskutierten und alle Diskussionsbeiträge schriftlich niederlegten, so dass nach der Beendigung des Kongresses ein Buch mit allen Beiträgen vorlag.
Immer wenn der Iran Ziel von Plünderungen und wilden Verwüstungen angreifender Völker wurde, versuchten die flüchtenden Gelehrten, Wissenschaftler und Künstler Bücher und Werke der Wissenschaft und Kunst zu retten, indem sie sie in Nachbarländer mitnahmen, damit nicht alles Wissen verloren ginge. So auch bei der Invasion der Griechen und später der Araber. Diese wissenschaftlichen Werke kamen dann nach einiger Zeit in China, Indien, Griechenland und anderen Ländern heraus, wurden in die jeweiligen Landessprachen übersetzt und diese nichtiranischen Völker wurden ihre Nutznießer. Alle Sasaniden-Könige wussten von dieser Tatsache und waren bemüht, diese Quellen der Wissenschaft und Kunst wieder nach dem Ursprungsland Iran zurückzuholen.
Die Universität Gondi-Schapur hatte folgende Fakultäten: Medizin, Pharmakologie, Pharmazie, Mathematik, Physik, Astrologie, Astronomie. Philosophie, Ethik, Religion. Die Einflüsse dieser Universität und ihre solide wissenschaftliche Potenz ließen später Persönlichkeiten wie Sina, Razi, Farabi, Charazmie und noch mehrere hundert andere iranische Wissenschaftler berühmt werden. König Schapur überreichte jedem Hochschullehrer selbst die begehrte Professorenrobe, welche durch eine prunkvolle Zeremonie regelmäßig als einer der Höhepunkte des akademischen Lebens galt. Die Geschichtsschreiber erzählen, dass Schapur in seiner Eröffnungsrede sagte: „Unser Schwert öffnet uns neue Länder und unser Wissen und unsere Weisheit erobern die Gehirne und die Gedanken.“
Die Universitätsbibliothek bestand aus 259 Zimmern, deren Regale mit Büchern gefüllt waren, worunter sich auch Werke in ausländischen Sprachen befanden. Edward Brown sagt: „Die Welt hat noch nie ähnliches wie die Universitätsbibliothek in Gondi-Schapur gesehen“. Diese große Universität mit der hervorragenden großen Bibliothek, welche ein Werk der Sasanidenkönige Ardaschir und Schapur war, wurde bald zur Begegnungsstätte aller wissenschaftlicher Gedanken und Phantasien in der Welt und stellte wahrlich eine moderne und freie Universität dar. Darin begegneten sich in totalem Frieden die verschiedenartigsten Menschen und Kulturen und arbeiteten zusammen für ein gleiches Ziel und Anliegen. Die Grundbegriffe wie Gleichheit und Brüderlichkeit wurden in dieser Zeit Realität. Nach fünf Jahren zählte Gondi-Schapur 5000 Studenten. Schapur gab der Welt bekannt: Die Tore der Universität Gondi-Schapur sind allen meinen Landsleuten und allen, die Interesse und den Wunsch spüren, Wissenschaft zu betreiben, offen. Alle Menschen können nach Gondi-Schapur kommen, ihr Herz und ihre Seele mit dem Licht des Erkennens und der Weisheit erleuchten.
Danach bekamen alle Studenten der Universität aus der königlichen Staatskasse ein Stipendium, damit der Student sich in Ruhe Weisheit aneignet und sich vom Kerker der Unwissenheit befreit. Nicht nur die Studenten waren international und multikulturell. Auch die Professoren waren keinesfalls nur Iraner. Neben saratustrischen Professoren gab es christliche, jüdische, indische und griechische Lehrer. Die weltberühmte Universität war auch eine Zentrale für weltweit in Ungnade gefallene Gelehrte, die ihre Zukunft in Gondi-Schapur fanden: Sieben Philosophen aus der Athener Schule, die damals in ihrer Heimat verfolgt wurden, fanden Zuflucht und Aufnahme in Gondi-Schapur. Sie durften dort alle als Gastprofessoren ihre griechise Philosophie ohne Angst und Verfolgung unterrichten. Oder auch die aus Odessa geflüchteten Christen und andere.
Ein Gelehrter fragte einen Arzt in Bagdad, warum seine Praxis immer leer sei und keiner seine Hilfe in Anspruch nehme. Der Arzt antwortete unter anderem. „Ich bin Muslim und die Leute glauben, ein Muslim kann kein guter Arzt sein, meine Sprache ist arabisch und ich müsste die Sprache der Gondi-Schapur sprechen“. Diese kleine Anekdote zeigt, wie lange Zeit noch über die Sasaniden-Herrschaft hinaus Gondi-Schapur ein Inbegriff der erfolgreichen Wissenschaft und Weisheit war. Alle arabischen Kalifen und Regenten haben nach dem militärischen Sieg über Iran bei Ärzten aus Gondi-Schapur medizinischen Rat gesucht.
Alle bisherigen Ausführungen sind eigentlich Zitate aus Büchern, die die Araber selbst später geschrieben haben. In Büchern wie Tarich-al-Hukama, Alfihrist, Kitab-Buchala va fiat Atteba und mehreren anderen Büchern stehen zahlreiche Hinweise. Gondi-Schapur stellt eine der größten kulturellen Leistungen der Iraner im Laufe der Menschheitsgeschichte dar. Nach der Invasion der Araber musste es sich in arabischer Sprache präsentieren. Äußerlich wurde alles in arabischem Gewand gezeigt. Innerlich war alles nach wie vor iranisch und blieb auch ununterbrochen iranisch.